15 March 2026, 08:20

Gockels Wallenstein als surrealistisches Schlachtmahl mit mechanischer Marionette in München

Ein altes Buch mit einem Umschlag, der einen Mann im Anzug und Krawatte zeigt, identifiziert als Komponist der Oper Schaukel-Lied, mit dem Titel in russischer Sprache.

Gockels Wallenstein als surrealistisches Schlachtmahl mit mechanischer Marionette in München

Eine kühne Neuinszenierung von Schillers Wallenstein feiert Premiere an den Münchner Kammerspielen

An den Münchner Kammerspielen ist eine mutige Neuinterpretation von Friedrich Schillers Wallenstein uraufgeführt worden – eine Verschmelzung von Theater, Geschichte und modernem Spektakel. Regisseur Jan-Christoph Gockel verwandelte das klassische Drama in ein surreales, sieben Gänge umfassendes Schlachtmahl, in dem Krieg und Kochen auf der Bühne kollidierten. Die Produktion präsentierte zudem eine beeindruckende mechanische Vorrichtung, die den seit einem Unfall 2010 gelähmten Schauspieler Samuel Koch wie eine lebendige Marionette bewegte.

Der Abend begann mit einer Vortragsperformance des russischen Künstlers Serge, der Parallelen zwischen dem Söldnerführer Wallenstein des 17. Jahrhunderts und dem Wagner-Gruppen-Chef Jewgeni Prigoschin zog. Mit einem Ridikulus-Zauber aus Harry Potter verwandelte Serge Angst in schwarzen Humor und verglich das Chaos des Kochens mit der Brutalität des Krieges. Das Ensemble, gekleidet als Bauern und Soldaten – einige in Muskelkostümen und mit aufgesetzten Bärten –, agierte hinter einer langen Küchenzeile und schuf so eine absurde, doch packende Szene.

Die Inszenierung nahm eine surreale Wendung, als ein mechanisches Gestell Samuel Koch, der seit einem Unfall 2010 querschnittsgelähmt ist, für kurze Momente auf die Beine stellte. Für wenige Sekunden bewegte er die Arme und setzte zwei große Schritte – sein Körper wie eine Marionette gesteuert. Der Effekt war gespenstisch und unterstrich die zentralen Themen des Stücks: Kontrolle und Verwundbarkeit.

Gockels Adaption kürzte Schillers Originaltext stark und fügte neue Prologe, Epiloge und Einspielungen hinzu. Die Liebesgeschichte zwischen Wallensteins Tochter und Max Piccolomini hatte es schwer, sich inmitten der grotesken Humoresken durchzusetzen. Unterdessen hing das beklemmende Motto der Wagner-Gruppe – "Unser Geschäft ist der Tod, und das Geschäft floriert" – bedrohlich im Raum, besonders an jenem Tag, an dem am Münchner Flughafen der zweite Drohnenalarm ausgelöst wurde.

Das Schlachtmahl rahmte die Geschichten Wallensteins und Prigoschins als dialektische Argumentation ein, serviert in sieben theatralischen Gängen. Jeder Abschnitt verwischte die Grenze zwischen Geschichte und Satire und überließ es dem Publikum, das Gemisch aus Spektakel und Unbehagen zu verarbeiten.

Die Produktion verband Schillers Drama mit modernen Provokationen – von mechanischem Puppenspiel bis hin zu Kriegs-als-Kochkunst-Metaphern. Kochs kurze, berührende Bewegungen und der schwarze Humor des Stücks hinterließen einen bleibenden Eindruck. Die Inszenierung stellt das traditionelle Theater infrage und zwingt die Zuschauer, sich dem Grotesken in Geschichte wie Aufführung zu stellen.

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